Kriegskinder - gestern und heute
Programm der Tagung am 19. - 21. November 2001 in Bad Boll

Kriegsbeschädigte Biographien und öffentliche Vergangenheitsbeschweigung

19. - 21. November 2001
Evangelische Akademie Bad Boll

Ev. Akademie Bad Boll Diakonie

in Kooperation mit
Arbeitsgruppe "Kriegskind"
Diakonisches Werk Württemberg
Lutherischer Weltbund (DNK/LWB)

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Kriegsbeschädigte Biographien und allgemeine Vergangenheitsbeschweigung

Mit der Registrierung von Sachschäden und dem Body-count ist man in Kriegen relativ schnell fertig, doch schon bei Bürgerkriegen geht das nicht so schnell. Aber die anderen Verheerungen werden nur selten erfaßt: Die Erlebnisse der jungen Menschen, Kinder, Jugendliche, (junge) Soldaten. Sie erleben in der sensiblen Phase früher Persönlichkeitsbildung Störungen, deren Auswirkungen das ganze weitere Leben überschatten können.

Die Nichtwahrnehmung dieser Erlebnisse durch die Umwelt wird verschärft, wenn Tabu-Bereiche berührt werden: Während die Bombennacht im Bunker noch mitteilbar ist, ja, mit anderen geteilt wurde, so ist die auf den einzelnen gerichtete Aggression durch Folter und Vergewaltigung, aber auch die erzwungene Zeugenschaft bei solchen Ereignissen kaum mitteilbar, weil die bloße Erinnerung die Qualen der Vergangenheit reaktiviert und ein mühsam erreichtes brüchiges seelisches Gleichgewicht destabilisiert. Aus der Jugendzeit klingt mir ein Lied

Ein vergleichbares Tabu wurde durch die besondere Schuld Deutschlands bewirkt: Die Kriegsgreuel und die Vernichtung der Juden und anderer als Untermenschen ausgegrenzten Gruppen übertraf alles bisher gekannte. Wie konnte man als Vertriebener, als Vergewaltigte, als zu Untaten verführter junger Mensch seine Leiden dagegenhalten, wo man doch zumindest in Kollektivhaftung mitverantwortlich, vielleicht sogar selber schuldig geworden war? Bei vielen Menschen sind diese Erlebnisse noch oder wieder lebendig.

Was kann man tun, um sein Leben "auf die Reihe" zu bringen? Als individuelle Lösung bieten sich selbst im Alter noch Psychotherapien an. Doch verlangen diese Schicksale nicht auch nach öffentlicher Anerkennung der "Opferleistung"? Muß es nicht möglich sein, ohne die Kriegsverbrechen gegeneinander aufzurechnen und ohne materielle Ansprüche zu erheben, diese fürchterliche europäische Vergangenheit über die Grenzen hinweg gemeinsam zu beklagen, um den Erinnerungen einen anerkannten Raum zu geben?

Kann nicht vielleicht ein Sinn darin gefunden werden, daß erlebtes Unrecht und erlittene Unmenschlichkeit als warnendes und einigendes Menetekel verstanden werden, um die Gefahr zu bannen, die von dieser finsteren Konstante des Menschenmöglichen ausgeht?

Wir wollen diesen Fragen auf unserer Tagung nachgehen. Dabei soll der Umgang mit kriegsbeschädigten Biographien ganz allgemein im Vordergrund stehen, also auch die Opfer der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen berücksichtigen. In irgendeiner Weise therapeutisch auf Betroffene einzugehen, wird nicht möglich sein. Allerdings soll besondere Aufmerksamkeit der "Vergangenheitsbeschweigung" als einem speziell deutschen Phänomen gewidmet werden, damit auch diese Kriegstrümmer nicht weg-, aber doch aufgeräumt werden können.

dierk schäfer


Programm

Montag, 19. November
14.00 Anreise, Kaffee/Tee/Gebäck

14.30 Gedächtnis als individueller und kollektiver Deutungsversuch
Zentralrat der Juden in Deutschland, angefragt

15.30 Was war, was bleibt?
Die Rezeption kollektiver Opferschicksale durch die historische Wissenschaft,
Dr. Ortfried Kotzian, Augsburg, angefragt

16.30 Pause

17.00 Ökonomie und Ethik von Kriegsfolge- lasten und Opferkompensation
Prof. Dr. Peter Koslowski, Hannover

18.00 Abendessen

19.00 Konstituierung der Arbeitsgruppen
  • Heldengedenken?
    Die öffentliche Würdigung der Opfer von Krieg, Bürgerkrieg und Vertreibung
    Dr. Helga Spranger, Strande

  • Kinder und Kindheit im Sammellager
    Birgit Susanne Dinzinger, DWW Stuttgart
    Dieter Georg David, Dipl.-Psych., DWW Stuttgart

  • Wege zur Trauma-Bearbeitung
    Erforderliche Strukturen
    Georg Bode, Dipl.-Päd., Köln

  • Wege zur Trauma-Bearbeitung
    Schicksale, Wendungen
    Dr. Herta Betzendahl, Kiel

21.00 Tagesausklang im Café Heuss

Dienstag, 20. November
8.00 Andacht

8.30 Frühstück

9.00 Die Rolle der gesellschaftlichen Anerkennung des Leidens in der Trauma-Bearbeitung
Dr. Gisela Perren-Klingler, Visp, Schweiz

Alles was recht ist ... Möglichkeiten und Grenzen des Rechtsfriedens

10.00 Trauma-healing and Reconciliation
William Saa, Liberia

11.00 Pause

11.30 Die Vergangenheit verstehen und die Zukunft gestalten
Ein deutsch-polnisches Versöhnungsprojekt
Dr. Gustav Bekker, Elsterwerda

12.30 Mittagessen

Alles was recht ist ... Möglichkeiten und Grenzen des Rechtsfriedens

14.00 am Beispiel der Ex-DDR
Marianne Birthler,
Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik

15.00 Kaffee/Tee/Gebäck

15.30 Arbeitsgruppen

Fortsetzung der Arbeit von Vortag

18.00 Abendessen

19.00 Auf dem Weg zum inneren Frieden?
Die Arbeitsgruppen formulieren Essentials für Biographiearbeit und für den öffentlichen historischen Bewußtseinsprozeß

21.00 Tagesausklang im Café Heuss


Mittwoch, 21. November

in memoriam Premysl Pitter

8.00 Andacht

8.30 Frühstück

9.00 Politik mit Opfern - Opfer der Politik
Dr. Eva Hahn, Apen

10.00 Gedächtnis als Ohnmacht und Macht
Dr. Alena Wagnerová, Saarbrücken

11.00 Pause

11.30 Phoenix - Auferstehung aus der Asche?
Die Zukunft der Völker Europas und die Lehren aus seiner verheerten Geschichte
Hans Koschnick, Bürgermeister a. D., Bremen

12.30 Mittagessen

Ende der Tagung


Tagung No: 65 11 01

Kosten
  • Tagungsgrundpreis DM 185,00
  • Dazu kommen die Kosten für Übernachtung und Verpflegung
  • Ermäßigung für Studenten, Arbeitslose, Rentner etc. auf Anfrage
Ein Rücktritt ist bis zwei Wochen vor Tagungsbeginn kostenfrei möglich.
Bei späteren Absagen berechnen wir ein Ausfallgeld von DM 185,00, soweit wir Ihren Platz nicht anderweitig besetzen können.

Anreise
Bahn:
bis Göppingen; von dort ab ZOB (100 m links vom Bahnhof) mit dem Bus Linie 20 nach Bad Boll bis zur Haltestelle KURHAUS.

Auto:
BAB Stuttgart-Ulm, Ausfahrt Aichelberg

Hinweise
  • In der Nähe der Akademie gibt es ein Thermalbad und einen Trimmpfad.
  • Nicht alle Zimmer sind mit Dusche und WC ausgestattet -
    Sie könnten einen Morgenmantel benutzen wollen.

Tagungsadressen
Evangelische Akademie Bad Boll
73087 Bad Boll
www.ev-akademie-boll.de
Tel.: 0 71 64 / 79 - 0

Tagungsleitung: Dierk Schäfer
Tel.: (0 71 64) 79-209, vormittags
Fax: (0 71 64) 79-12 14
EMail: dierk.schaefer@ev-akademie-boll.de

Sekretariat: Magdalena Hummel
Tel.: 79 - 210
Fax: 79 - 12 07
EMail: magdalena.hummel@ev-akademie-boll.de

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Letzte Änderung: 13-AUG-2001
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